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Lecker Fingernägel!

Aus irgendeinem Grund hatte ich angefangen meine Fingernägel zu kauen. Vielleicht hatte ich es mir bei anderen Kindern im Kindergarten abgeschaut, zuhause tat es jedenfalls niemand. Ich war vielleich vier oder gerade fünf Jahre alt, es war glaube ich Sommer. Mein neues Verhalten oder neue Gewohnheit versteckte ich gar nicht erst. Warscheinlich war ich mir nicht dem verwerflichen Charakter meiner neuen Beschäftigung bewusst.

Da ich es nicht versteckte, sagte mein Vater mir sehr schnell, dass dies nicht so weiter gehen kann. Für ihn war es wichtig, dass ich nicht meine Nägel kaute. Ich verstand ihn natürlich nicht, ich hatte zudem Zeitpunkt ja noch keine kaputt gekauten Fingernägel und Finger zu Gesicht bekommen (dies geschah erst Jahre später), mein Vater aber bestimmt.

“Solveig, wenn du zwei Wochen lang deine Fingernägel nicht kaust, dann spendiere ich dir ein Eis”, sagte er mir. Ob er dabei meine Hand in seiner hielt und ob dies zu 100 Prozent der Wortlaut war, weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich mich sehr streng an diese Anweisung gehalten habe. Jedes Mal als eine meiner kleinen Hände zu meinem Mund wanderte, zuckte ich zusammen und dachte an mein Eis. Auch wenn niemand mich sah, war es mir wichtig nicht zu kauen. Hätte ich es getan, dann hätte man es mir bestimmt auch angemerkt. Man merkt es nämlich eigentlich immer, wenn Kinder etwas verbotenes heimlich oder auch nicht so heimlich tun oder getan haben.

Ich muss durchgehalten haben, denn ich erinnere mich noch an den Tag des Eises. Mein Vater und ich zelebrierten mein Durchhaltevermögen mit einem Ausflug zu zweit. Warscheinlich bin ich selbst Fahrrad gefahren, aber es kann auch sein, dass ich hinten im Korb saß. Wir sind nicht zu der nächsten Eisdiele gefahren um zu feiern. Um in den Genuss dieses lang ersehnten Eises zu kommen, überquerten wir den Rhein. Ich bekam mein leckeres Eis und musste bestimmt einwilligen nie und nimmer mehr mit dem Fingernagelkauen anzufangen.

Jedes Mal wenn ich in Gedanken verloren meine Nägel beknabbere, jemandem beim Genießen beobachte oder mit ganz kaputten Fingernägeln sehe, dann erinnere ich mich an dieses Eis.

Viele Eltern, denke ich, benutzen die “wenn du das machst/nicht machst darfst du/darfst du nicht, bekommst du/bekommst du nicht” Methode etwas zu viel. Wenn sie aber nur für wichtige Dinge benutzt wird, gewinnt sie an Bedeutung.

Vielen Dank für das Eis! Denn das war definitiv leckerer als meine Fingernägel es jemals gewesen wären.


Geschrieben von Solveig Werner

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